Ausmisten beginnt im Kopf

Wie Ausmisten nach der KonMari-Methode den Kopf befreit

Ich besitze nicht viel. Ich habe weder mehrere Schuhregale, noch übertrieben viele Klamotten. Ich sammle nichts und gehe nicht gern shoppen. „Bei mir gibt es nicht viel auszumisten“, dachte ich. Bis ich aktiv wurde und sich die Müllsäcke mit überflüssigen Sachen vor meiner Wohnungstür stapelten. 

Seit dem Abi bin ich relativ oft umgezogen. Das hat mich jedoch nicht davon abgehalten, meinen gesamten Krempel von Wohnung zu Wohnung, vom Elternhaus in WGs und zurück zu transportieren. Ich dachte nie darüber nach, was ich kistenweise die Treppen hochschleppte. Ich nahm einfach immer alles wieder mit, packte es in einen Transporter, sortierte alles wieder ein, fertig.

Natürlich kam über die Jahre immer mehr dazu. Geschirr von Oma, Lehrbücher, Outdoor-Zubehör, Klamotten – irgendwann konnte ich nicht mehr alles transportieren und im eigenen WG-Zimmer lagern. Also blieben einige Dinge im Haus meiner Eltern, wo schon Spielzeug aus Kindertagen und viele andere Dinge ihr Dasein fristeten. An die meisten Kinderbücher, Rätselblocks, Bastelsachen und Hinstellerchen konnte ich mich längst nicht mehr erinnern.

Im Januar letzten Jahres hatte ich plötzlich das Bedürfnis, klar Schiff zu machen. Mir war klar, dass all die Dinge in meinem ehemaligen Kinderzimmer einem Neuanfang im Wege standen. Es dauerte fast einen ganzen Tag. Am Ende wanderten die meisten Dinge in den Müll, denn wer braucht schon noch alte Mädchenzeitschriften, Hunderte von Postkarten, ausgetrocknete Glitzerstifte und Kosmetika aus dem letzten Jahrtausend?

Nach der Aktion fühlte ich mich befreit und ein bisschen traurig zugleich. Schließlich warf ich auch alte Erinnerungen weg. Diese hatte ich im letzten Jahrzehnt zwar nicht vermisst, doch selbst die eigens gefaltete Papierkette aus Kaugummipapier weckte nostalgische Gefühle in mir. Trotzdem wollte ich meine Altlasten beseitigen und Platz machen für einen Neuanfang.

Wenn überflüssige Dinge negative Gefühle wecken

Beschwingt von meiner Aktion ließ ich auch in meiner eigenen Wohnung den Blick schweifen. Auch hier entdeckte ich reihenweise Dinge, die ich nie verwendete und von deren Existenz ich schon gar nichts mehr wusste. Sie weckten teilweise gemischte Gefühle in mir:

Zu all diesen Dingen kam noch Kleinkram hinzu, der ebenfalls überflüssig war, sich aber unbemerkt angesammelt hatte: Batterien ungewissen Ladezustands, geschenkte Kleinmöbel, die mir noch nie gefallen hatten, Taschenkalender aus den 2000ern, verwackelte Fotos aus den 90ern uvm.

Wie konnte es nur soweit kommen?

Ich weiß inzwischen, warum all der Krempel so lange bei mir überleben konnte: wegen der Widerstände in meinem Kopf. Ich hatte mir im Laufe der Jahre immer wieder eingeredet, dass ich alles behalten müsse. Schließlich seien es teilweise Geschenke. Die könne man nicht wegwerfen oder weiterschenken. Man müsse sie schätzen – so wie all die anderen Dinge, die jemals produziert wurden. Es sei Ressourcenverschwendung sie wegzuwerfen. Genug Platz hätte ich schließlich dafür. Notfalls müsse ich besser stapeln, erfinderischer verstauen oder neue Ordnungssysteme kaufen.

Das Totschlagargument lautete zudem: Vielleicht kann ich es ja nochmal gebrauchen. Wer weiß, ob ich nicht doch irgendwann einen Tischrechner brauche, etwas zu stempeln habe oder ein Hunderassenbuch mit Aufklebern füllen möchte?

Die Tücke an dieser Denkweise ist: Es wird immer schlimmer, wenn man die Kisten in Abstellkammern, Kellerräumen oder auf den Dachböden der Eltern erstmal angefangen hat. Während man immer mehr aufhebt, steigt der Widerstand sich von Dingen zu trennen.

Mir wurde zunehmend klarer: Nur die wenigsten Dinge, die ich besitze, verwende ich täglich. Ich könnte sie an zwei Händen abzählen. Demzufolge sind mindestens 90 Prozent meines Besitzes überflüssig. Das ist natürlich ein Luxusproblem. Vor 100 Jahren hätte wahrscheinlich niemand gedacht, dass uns unser Wohlstand mal zu viel werden könnte. Doch viele Menschen, gerade in jüngeren Jahren, sehnen sich nach Einfachheit und Klarheit. Daher ist Minimalismus ein großer Trend. Ich bin keine ausgewachsene Minimalistin, gehe aber weitaus bewusster mit materiellen Dingen um, seit ich mich mit dem Thema befasst habe. 

Immer mehr Dinge schätzen wir immer weniger

Eine neue Perspektive eröffnete mir ein kanadischer Blogger namens David Cain mit seinem Artikel „Jedes Ding, das du besitzt, ist eine Beziehung, die du hast“. (Den Originaltext findest du hier. Die deutsche Übersetzung kannst du in unserem Blog nachlesen.) Der Text machte mich erstmals auf die japanische Bestseller-Autorin Marie Kondo aufmerksam. Die Lektüre ihres Buches „Magic Cleaning“ war für mich ein Aha-Erlebnis.

Laut Marie Kondo sollten wir nicht immer mehr Dinge anhäufen, sondern sie reduzieren. Es geht nicht darum, immer besser zu verstauen oder platzsparender zu organisieren. Vielmehr müssen wir entscheiden, was uns wirklich am Herzen liegt. Wir sollten nur mit den Dingen unter einem Dach wohnen, die uns glücklich machen.

Je mehr wir besitzen, desto geringer schätzen wir jedes einzelne Teil. Schließlich verteilt sich unsere Wertschätzung auf eine größere Anzahl von Dingen. Wir finden nichts zum Anziehen, obwohl der Kleiderschrank voll ist. Wir haben keinen Überblick darüber, was sich in den hintersten Ecken versteckt und finden nicht wieder, was wir wirklich mögen. Manchmal behandeln wir unsere Dinge nachlässig, weil sie billig und leicht zu ersetzen sind. Eine Reparatur lohnt oft nicht, weil sie teurer als ein neues Produkt ist.

David Cain beschreibt einen weiteren Nachteil von zu viel Kram, den ich ebenfalls nachvollziehen kann: Das Aufräumen und Putzen dauert länger, je mehr man besitzt. Um Staub zu saugen, muss man Dinge hochstellen, Möbel verrücken, Klamotten wegräumen. Mehr Gegenstände müssen gepflegt, entstaubt und weggeräumt werden.

Weniger Besitz führt hingegen dazu, dass man jedes einzelne Teil mehr wertschätzt. Man behandelt die Dinge sorgfältig, denn sie sind rar. Putzen und Aufräumen gehen schneller – und in einer aufgeräumten Umgebung fühlen sich die meisten von uns wohler. Ich fühle mich dann auch innerlich aufgeräumter. Chaos stört mich hingegen – nicht nur auf dem Schreibtisch, sondern auch im Wohnzimmer.  

Macht mich glücklich, was ich besitze?

Die KonMari-Methode dreht sich um eine einzige Frage: Macht es mich glücklich, dieses Teil zu besitzen? Diese Frage sollte man sich bei jedem Gegenstand stellen. Es ist keine gängige Vorgehensweise, denn die meisten Menschen fragen sich eher nach dem Wert einer Sache oder potentiellen Verwendungsmöglichkeiten.

Laut Marie Kondo sollten wir uns jedoch nur mit Dingen umgeben, die in uns angenehme Gefühle hervorrufen. Das macht die Entscheidung erstaunlich leicht, wenn wir ehrlich zu uns sind. Allerdings müssen wir es zunächst in einem einfachen Bereich üben. Laut KonMari-Philosophie sollte man mit dem Kleiderschrank anfangen. Man nimmt sich jedes einzelne Teil zur Hand und spürt in sich hinein. Was glücklich macht, darf wieder zurück in den Schrank. Was nicht glücklich macht, kommt auf einen Haufen. Über ihn sollte man vorerst nicht weiter nachdenken, denn das würde den Schwung aus der Sache nehmen.

Als nächstes wendet man sich Taschen, Schuhen, Büchern, Kosmetika und anderem Kleinkram zu. Erinnerungsstücke sind am schwierigsten. Ihnen sollte man sich am Schluss widmen.

Erfahrungsgemäß schweift man nach einer Weile von der ursprünglichen Frage „Macht es mich glücklich?“ ab. Dann fragt man sich z. B.: „Wann habe ich es zuletzt gebraucht?“ oder „Ist es kaputt?“ Diese Fragen können einerseits helfen oder aber behindern. Der Kopf schaltete sich durch sie schneller wieder ein und baut Widerstände auf.

Letztendlich läuft es auf das gleiche Fazit hinaus: Uns macht nicht glücklich, 

Wie du überflüssige Dinge loswerden kannst

Es gibt viele Wege, um auszumisten. Einige habe ich selbst ausprobiert und stelle sie dir im Folgenden kurz vor:

Weitere Wege und Details erfährst du in diesem Artikel bei Healthy Habits.

Meine Erfahrung mit der KonMari-Methode

Nach dem Ausmisten fühlte ich mich sofort wie befreit und erzählte einigen Freundinnen davon. Sie ließen sich daraufhin anstecken, fingen ebenfalls an auszumisten und erzählten es wiederum weiter. Allein das spricht Bände!

Was mich am meisten fasziniert, ist die Psychologie dahinter. Es geht nicht nur darum, Platz zu schaffen. Vielmehr um die Entscheidung, wer ich einmal war und wer ich künftig sein möchte. Ich muss loslassen, was ich mir einst vorgenommen, aber nie umgesetzte habe. Was mir früher einmal Freude gemacht hat, heute aber nicht mehr. Stattdessen konzentriere ich mich auf die Gegenwart und die Zukunft.

Ungewohnt ist für mich der Gedanke, dass ich Dinge nicht behalten muss, wenn sie mich nicht glücklich machen. So wurde ich nicht erzogen. Aber was haben die Gegenstände in den hintersten Ecken von meiner widerwilligen Duldung?

Zugegebenermaßen hielt ich mich nicht vollständig an Marie Kondos Empfehlungen. Ich warf nicht alles weg, sondern verkaufte und verschenkte einiges. Ich rollte meine Socken nicht und stapelte nichts im Stehen. Ich fing mit meinen Büchern an, statt mit dem Kleiderschrank, weil es mir leichter erschien. Habe ich deshalb irgendwann aufgehört? (Meinen detaillierten Erfahrungsbericht zum Ausmisten nach Marie Kondo kannst du hier nachlesen.)

Einerseits fiel es mir zunehmend leichter auf die Frage aller Fragen zu antworten. Andererseits wuchsen auch die Widerstände. Immer wieder kamen mir Zweifel, wie z. B.: „Kann ich wirklich so radikal sein und die geschenkte Halskette wegwerfen?“ Die vielen Entscheidungen kosteten Kraft. Daher ging mir im Lauf der Monate der Schwung verloren. Ähnlich erging es Freundinnen, die ihren Kram ursprünglich halbieren oder dritteln wollten. Irgendwann ließ auch bei ihnen die Motivation nach.

Meine Zu-Verschenken-Kiste wartete einige Wochen in der Abstellkammer, bis ich mich schließlich überwinden konnte, sie auf die Straße zu stellen. Es funktionierte. Am Ende des Tages war sie fast leer. Trotz dieser positiven Erfahrung wurde ich kürzlich bei Kiste Nummer 3 wieder unsicher. So unsicher, dass ich davon abließ und stattdessen auf Ebay Kleinanzeigen mein Glück versuchte.

Das Projekt Ausmisten beschäftigt mich nun schon seit Monaten, aber ich bin ich noch längst nicht fertig. Es gibt immer noch viele Sachen, die auf meine Entscheidung warten. Und obwohl ich sie nicht täglich sehe, weiß ich, dass sie da sind. Ganz, wie Marie Kondo sagt: Selbst was wir nicht sehen, kann Unruhe in unserem Inneren stiften.

Über Jasmin Schindler

Generali Vitality - Jasmin Schindler von healthy habits

Foto: Healthy Habits

Jasmin Schindler ist Bloggerin bei Healthy Habits und Autorin von Büchern wie „Esst echtes Essen!“ und „Abgespeckt“. Beruflich wie privat beschäftigt sie sich mit Themen rund um eine gesunde Lebensweise.

Jasmin hatte die meiste Zeit ihres Lebens mit ihrer Figur zu kämpfen. Es hätten in ihren Augen stets ein paar Kilos weniger sein sollen. Sie wollte gern so schlank sein wie andere Gleichaltrige, doch viele Versuche abzunehmen zeigten keine Wirkung. Deshalb stehen die Themen Ernährung und Selbstwertgefühl im Mittelpunkt vieler ihrer Texte. Sie glaubt nicht an Diäten, sondern an Gewohnheiten. Diese sollten wir alle in unseren Alltag integrieren, um auf Dauer schlank und gesund zu bleiben. Frische Lebensmittel und der weitgehende Verzicht auf zugesetzten Zucker sind dabei von zentraler Bedeutung. Unser Essen sollten wir lieber selbst kochen, statt auf Fertiggerichte zurückzugreifen – so die Philosophie von Jasmin und ihrem Blogger-Kollegen Patrick Hundt.

Der Blog Healthy Habits dreht sich um gesunde Gewohnheiten in allen Bereichen des Lebens. Statt nach geheimen Tricks, Wundermitteln oder Abkürzungen zu suchen, empfiehlt Jasmin nachhaltige Routinen für die alltägliche Bewegung, den regelmäßigen Sport, aber auch für alles, was das emotionale Wohlbefinden sowie die persönliche Weiterentwicklung fördert. Da immer mehr Menschen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen und sich erschöpft fühlen, sind Themen wie Gelassenheit, Glück, Freiheit und Beziehungen zunehmend wichtig. Über genau diese Themen schreiben Jasmin und Patrick bei Healthy Habits sowie hier bei Generali Vitality.

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